Sachbuch outete Wirkstoff Tamiflu schon 2011 als weitgehend nutzlos

Der nachfolgende Artikel erschien im November 2012 bei LifeGen.de. Angesichts des aktuellen Maskenskandals in der COVID-19 Pandemie publizieren wir ihn zu Dokumentationszwecken unverändert im Original.

Der Wirkstoff Tamiflu schafft es diese Tage als Story über das BMJ erneut in die großen Leitmedien, Roche gerät wieder unter Druck - nur warum? Über die weitgehend nutzlosen Einsätze während der Vogel- und Schweinegrippesaison berichtete das bei Carl Hanser im August 2011 erschienene Sachbuch "Die Viren-Lüge" ausführlich. Lesen Sie nachfolgend einen exklusiven Buchauszug - und somit die Originalversion der an sich längst abgeschlossenen Tamiflu-Diskussion. Mehr zum Thema fanden Sie eigentlich an dieser Stelle in der ARD Mediathek - bis das entsprechende Gerspräch, das die Autoren mit dem SR2 zum Buch führten, einfach verschwand.

von Marita Vollborn und Vlad Georgescu

Bis Anfang 2011 ließ sich die Zahl der Todesopfer infolge einer Schweinegrippe-Infektion in allen Ländern der EU auf lediglich 4600 beziffern. Zum Vergleich: Allein in Deutschland sterben jährlich rund 20000 Menschen an der saisonalen Grippe. Pandemien, so lernen es schon Medizinstudenten, sehen anders aus. Dennoch ließen bereits im Herbst 2009 die auch in Deutschland auftretenden ersten Todesfälle im Zusammenhang mit der Schweinegrippe die Bedenkenträger auf der medizinischen Seite zur Minderheit werden. Getragen vom H1N1/A-Hype berichteten Medien nahezu täglich über die Schweinegrippe, und empfahlen dabei das, was ihnen die PR-Mühlen der Pharmaindustrie vorsetzten: Neuraminidasehemmer und Vakzine als Schutzschild gegen die vermeintlich so lebensbedrohliche Seuche.

Gewiss, jeder einzelne Todesfall ist tragisch und einer zu viel, nur: Aus epidemiologischer Sicht bleibt es fraglich, warum Gesundheitsbehörden so kopflos agierten und Impfstoffe bestellten, zu denen keine aussagekräftigen Langzeitstudien existierten. Im Gegenteil blieben Studien mit verwandten Vakzinen, die auf Risiken und Nebenwirkungen der Impfstoffe in den USA schon vor über 30 Jahren hinwiesen, zunächst sogar vollständig unbeachtet. Die Folge: Sogenannte Modellimpfstoffe, Vakzine also, die noch nicht im Detail erforscht worden waren, erhielten im Rekordtempo die Zulassung durch US-amerikanische und europäische Behörden. Dass sich diese Praxis derart schnell durchsetzte, obwohl die Schweinegrippe keine tödliche Pandemie war, verwundert.

Die Schnelligkeit der Impfstoffzulassungen erweist sich mitunter als letztes Glied in einer ganze Kette von Zufällen. Nahezu synchron vermeldeten Virologen die Entdeckung des genauen Virenstamms, die Isolierung des Schweinegrippe-Erregers ging mit dem Start der entsprechenden Impfstoffforschung einher. Anhand eines Papiers der Zulassungsbehörde EMA (siehe Anhang am Ende des Buches) ist jedoch ersichtlich, dass GlaxoSmithKline die Zulassung für Pandemrix® bereits im Mai 2008 erhalten hatte – und somit ein Jahr vor Beginn der eigentlichen Pandemie.

Wie bereits erwähnt, galten nun ebenfalls aussortierte Mittel wie Tamiflu® als Rettung vor dem vermeintlichen Todeserreger, und Pharmakonzerne, die wie andere Arzneimittelhersteller ebenfalls die Anzeichen der Weltwirtschaftskrise spürten, hatten schlagartig prall gefüllte Auftragsbücher. Dabei belegte ein bereits veröffentlichtes Dokument der Europäischen Zulassungsbehörde EMA mit der Nummer EMEA/523823/2009: Tamiflu® vermag Patienten mit Schweinegrippe nicht wirklich zu heilen. Lediglich verkürzt der Wirkstoff Oseltamivir die Dauer der Erkrankung im Vergleich zu jenen Patienten, die kein Oseltamivir erhielten – um einen Tag. Die Angaben der EMA sind dabei klar formuliert. So heißt es in dem uns vorliegenden Papier:

„In den Behandlungsstudien mit Erwachsenen betrug die durchschnittliche Erkrankungsdauer 5,2 Tage bei Patienten, die Placebo einnahmen, im Vergleich zu 4,2 Tagen bei Patienten, die mit Tamiflu behandelt wurden. Bei Kindern im Alter von ein bis sechs Jahren betrug die durchschnittliche Reduzierung der Erkrankungsdauer 1,5 Tage. In den Prophylaxestudien verringerte Tamiflu das Auftreten von Grippe bei Personen, die mit einem Grippeerkrankten in Kontakt gekommen waren. In der während einer Epidemie durchgeführten Studie erkrankte 1 % der Personen, die Tamiflu einnahmen, nach dem Kontakt an Grippe im Vergleich zu 5 % der Personen, die ein Placebo einnahmen. In Familien mit einer influenzainfizierten Person erkrankten 7 % der in einem Haushalt lebenden Familienmitglieder, die Tamiflu vorbeugend eingenommen hatten, an Grippe gegenüber 20 Prozent, die keiner vorbeugenden Behandlung unterzogen wurden.“

Der Wirkstoff war zudem in die Kritik vieler Experten geraten, weil sich das Medikament zum Zeitpunkt des Ausbruchs von H1N1/A bereits als zunehmend wirkungslos gegen saisonale Influenza-Viren erwiesen hatte.

Das hätten die politischen Entscheidungsträger wissen müssen – die Pressemeldungen, etwa der BBC vom 29. Juni 2009, waren unmissverständlich und machten innerhalb von Minuten unter Virusforschern die Runde. Die BBC berichtete von immer mehr Experten, die eine Resistenz der Schweinegrippe-Erreger gegen Tamiflu® feststellten – eine tendenzielle Unwirksamkeit, die das Medikament mit seinem Wirkstoff Oseltamivir nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation WHO schon im Mai 2008 in den Vereinigten Staaten und Kanada dem normalen Grippeerregerstamm H1N1 gegenüber an den Tag gelegt hatte. Laut US Centers for Disease Control and Prevention (CDC) waren in den USA bereits damals fünf Prozent der getesteten Erreger gegenüber Tamiflu® resistent. In Kanada lag dieser Anteil allein für 2008 bei etwa sechs Prozent, insgesamt acht von 128 Proben reagierten laut WHO-Sprecher Gregory Hartl in Kanada nicht mehr auf den Wirkstoff. Auch beim Erreger H1N1/A waren Resistenzen gegen den Neuraminidasehemmer seit geraumer Zeit bekannt. Japanische Gesundheitsbehörden untersagten aus Furcht vor neurologischen Nebenwirkungen den Einsatz von Tamiflu® bei Jugendlichen sogar gänzlich. Vorausgegangen war ein Report an das Gesundheitsministerium in Tokio, in dem über abnormale Verhaltensmuster bei insgesamt 151 Schweinegrippe-Patienten, von denen 26 mit Tamiflu® und 36 mit Relenza® behandelt worden waren, berichtet wurde. Inwieweit die bei allen Erkrankten beobachteten Störungen, darunter aggressives Verhalten, mit der Einnahme der Mittel zusammenhing, war unklar, hieß es dazu beim Seucheninformationsnetzwerk Promed. Allerdings bewerteten die Seuchenexperten die in Japan gemeldete Auffälligkeit als besorgniserregend, weil sie zuvor noch nie beobachtet worden war.

Ohnehin erinnern die Comeback-Versuche von Tamiflu® und Relenza® als antivirale Mittel an die Zeit, in der die Vogelgrippe die Nation beschäftigte. Schon einmal, 2006, hatte eine vermeintliche Vogelgrippe-Gefahr zur Vermarktung beider Medikamente geführt. Nach Ansicht des Virologen Griot handelte es sich bei diesen Aktionen schon damals eher um einen gelungenen Vermarktungsschritt der Pharmakonzerne: Im Fall einer Übertragung des Vogelgrippe-Erregers auf den Menschen nutzen die oben genannten Mittel vermutlich nicht. Denn sie sind für die Behandlung/Prävention der humanen Grippe konzipiert. Klinische Studien aber, die an Patienten mit Vogelgrippe hätten ausgeführt werden müssen, fehlten damals wie heute – weil es keine entsprechenden Patientenkohorten gibt.

Bei der Schweinegrippe-Pandemie griffen ähnliche Mechanismen, aber dieses Mal mit großem Erfolg. Die weltumspannende Panik vor einem Erreger, der zwar vergleichsweise harmlos, aber ebenso ansteckend wie eine virale Durchfallerkrankung ist, setzte die politischen Entscheidungsträger massiv unter Druck. Dass klinische Studien nach den klassischen Standards fehlten, war jedoch zu keinem Zeitpunkt ein Geheimnis.

Trotz solcher Informationen orderten nationale Regierungen weltweit antivirale Mittel und Vakzine, im November 2009 rief die Ukraine die NATO zu Hilfe, um den Bezug und die Verteilung der Medikamente zu gewährleisten. Dabei sind die teils lebensbedrohlichen Nebenwirkungen der Impfungen sogar seit Jahrzehnten bekannt, wie das Fachblatt Lancet im November 2009 attestierte. Auch das Deutsche Ärzteblatt wies auf entsprechende Studien in Schweden und auf ein Totaldesaster mit Schweinegrippe-Vakzinen in der Vergangenheit hin – die Fachblätter blieben jedoch weitgehend unbeachtet.

Die breite Öffentlichkeit nahm zudem kaum Notiz davon, dass es bereits vor gut 30 Jahren einen massiven Ausbruch der Schweinegrippe gegeben hatte. Die daraufhin durchgeführten Impfaktionen endeten mit einem Desaster, wie das Deutsche Ärzteblatt im November 2009 in seiner Online-Ausgabe berichtete: „In den USA wurden im Jahr 1976/77 schon einmal etwa 100 Millionen Menschen gegen eine Schweinegrippe geimpft. Die Kampagne wurde damals abgebrochen, nachdem die befürchtete Epidemie ausblieb und es zu einer vermehrten Zahl von Gullian-Barré-Syndromen gekommen war, die später teilweise auf die Impfung zurückgeführt wurden“, schrieb das Fachblatt unter Berufung auf eine entsprechende Studie des Jahres 1979.

Dass die globale Impfkampagne gegen das Schweinegrippe-Virus des Jahres 2009 zu einer Welle von Verdachtsfällen unerwünschter Reaktionen führen könnte, berichtete wiederum das Fachblatt Lancet : Experten erwarteten die Zunahme der als lebensbedrohlich geltenden Gullian-Barré-Syndrome, bei denen die Atmung der Patienten aussetzen kann. Auch Aborte bei Schwangeren und bestimmte Formen von Multipler Sklerose schienen Lancet zufolge möglich. Beim Guillain-Barré-Syndrom (GBS) handelt es sich um ein neurologisches Erkrankungsbild, das durch eine sogenannte Polyradikulitis verursacht wird. Darunter verstehen Mediziner „eine entzündliche Erkrankung der aus dem Rückenmark hervorgehenden Nervenwurzeln (Radikulitis) und der peripheren Nerven mit Lähmungserscheinungen, die typischerweise an den Beinen beginnen und sich bis hin zur Atemlähmung ausbreiten können“, wie das Web-Lexikon Wikipedia erklärt. Als Ursache gilt eine autoimmune Zerstörung der isolierenden Myelinschicht der Nerven. Polyradikulitis ist die häufigste Ursache akut auftretender symmetrischer Lähmungen in der westlichen Welt. In Deutschland erkranken jährlich etwa 1000 bis 1500 Menschen daran.

Damit nicht genug. Aufgrund von US-Zahlen rechneten Experten in Großbritannien im Jahr 2009 „innerhalb der ersten 6 Wochen mit 86,3 Fällen einer Neuritis nervi optici, ein bekanntes Initialsymptom der Multiplen Sklerose, unter zehn Millionen geimpften Frauen“, wie das Deutsche Ärzteblatt berichtete. Zudem kämen auf eine Million geimpfter Schwangerer „397 Spontanaborte innerhalb eines Tages nach der Impfung“. Politik und Pharmabranche müssen sich den Vorwurf gefallen lassen, solche Bedenken seriöser Medizinforscher schlichtweg ignoriert zu haben. Die fehlenden klinischen Studien nach den üblichen Verfahren der Phasen Null bis IV machten sich nun bemerkbar – doch man entschied sich trotz offenkundiger Risiken zum massiven Einsatz der Mittel gegen die Schweinegrippe.

Dabei war, ebenfalls aufgrund des Mangels an ausreichenden Daten, die eine oder andere Überraschung vorprogrammiert. So musste sich die US-Seuchenbekämpfungsbehörde CDC im Spätsommer 2009 mit einem offiziell bestätigten Fall beschäftigen, der die Wirksamkeit der Vakzine infrage stellte. Erstmals war nachgewiesen worden, dass sich ein Mensch trotz vorheriger Infektion mit H1N1/A erneut ansteckte. Damit stand für Virenforscher fest: Der Erreger überlistet das Immunsystem des Organismus – vorherige Immunisierungen, zu denen Vakzine auch gehören, scheinen in manchen Fällen wirkungslos zu sein. Tatsächlich beschäftigt der Fall der Kinderärztin Debra Parsons vom Kid Care West Krankenhaus in Cross Lanes noch heute die Forscher. H1N1/A war bei Parsons erstmals im August 2009 aufgetreten, eine neue Analyse am Charleston Area Medical Center (CAMC) wies die erneute Infektion der Frau mit dem Erreger nach. Die Ergebnisse waren eine Sensation – und verschwanden aus dem Blickfeld der Öffentlichkeit. Denn sie zeigten anhand von Labordaten, dass die Wirkung der Vakzine womöglich nicht immer greift. „Das würde Potenzial und Effektivität der Vakzine mindern“, schätzten Experten des Seucheninformationsnetzwerks Promed. Dieser These widersprach hingegen der Sprecher der West Virginia Division of Health and Human Resources (DHHR), John Law. Seiner Ansicht nach verfügte Parsons über eine Immunschwäche – eine Annahme, die die Kinderärztin bis heute vehement bestreitet.

Zumindest über die überschaubare Gefährlichkeit des Erregers herrschte relativ schnell Einigkeit. Die britische UK Health Protection Agency (HPA) wiederum gab an, in Blutproben von Kindern weitaus höhere Virenkonzentrationen gefunden zu haben als erwartet. So wies jedes dritte untersuchte Kind den Erreger H1N1/A auf, doch nur jedes zehnte erkrankte. Aus Sicht der Behörde ließ sich daraus nur ein Schluss ableiten: Bei der Schweinegrippe handelte es sich um eine vorwiegend milde Form der Influenza.

Möglicherweise lesen deutsche Politiker keine Texte aus dem Ausland, haben Probleme mit dem Englischen. Anders ist die Ignoranz gegenüber den exemplarisch aufgeführten Meldungen fast nicht zu erklären. Die ersten zwei Todesfälle, die im zeitlichen Zusammenhang mit der zuvor verabreichten Schweinegrippe-Vakzine auftraten, beschäftigten Deutschlands Behörden schon im November 2009 – aber trotz der Zwischenfälle, die Medien aus juristischen Gründen – ebenso wie wir – lediglich als „Verdachtsfälle“ bezeichnen durften, impften Ärzte weiter.

Warum auch nicht? Hatte doch das Bundeskabinett am 19. August 2009 der „Verordnung über die Leistungspflicht der gesetzlichen Krankenversicherung bei Schutzimpfungen gegen die neue Influenza A (H1N1)“ zugestimmt. Der Beschluss verpflichtete die Kassen der gesetzlichen Krankenversicherung zur Übernahme der Kosten für die Vakzine. Auch der Verband der Privaten Krankenversicherung PKV erklärte sich nahezu zeitgleich bereit, die Kosten der Impfung für seine Versicherten zu übernehmen. Die skurrile Verordnung gab einen „Orientierungswert für die Impfvereinbarungen der Kassen in Höhe von 28 Euro für die gesamten Kosten der zweimaligen Impfung vor“. Was in erster Linie der Pharmabranche diente, erwies sich als Extrembelastung für Deutschlands Gesundheitssystem. Allein im Jahr 2009 betrugen die Mehrausgaben laut Bundesgesundheitsministerium rund 600 Millionen Euro und „je 10 Prozent zusätzliche Impfbeteiligung in 2010 weitere rund 0,2 Milliarden Euro“. Ob solcher Aussichten dürften in den Chefetagen der Vakzinehersteller die Sektkorken geknallt haben. Denn das Bundesgesundheitsministerium teilte ebenfalls mit:

„Sollten mehr als 50 Prozent der Versicherten geimpft werden, wird der Staat eintreten. Mit den Krankenkassen besteht Einvernehmen, dass eine Erhöhung des einheitlichen Beitragssatzes der Krankenversicherung oder Zusatzbeiträge für die Versicherten deshalb nicht erforderlich sind.“

Einerseits die uneingeschränkte Lizenz zum Gelddrucken für die Pharmabranche, andererseits das: Zehn Menschen starben bis Ende November zeitnah nach der Impfung gegen die Schweinegrippe – aber nach Angaben der Gesundheitsbehörden kein einziger infolge der Vakzine. Alles Zufall?

Auszug mit freundlicher Genehmigung des Carl Hanser Verlags